Unsere Arbeit zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt – Was ist im letzten Jahr passiert?

Im September 2024 wurden wir als Föderation Klassenkämpferischer Organisationen öffentlich für unseren Umgang mit patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt kritisiert. Nachdem diese Kritiken zunächst auf einem privaten Account und später über die Plattform „Stoppt Täter“ veröffentlicht wurden, haben sie breite Bekanntheit in der fortschrittlichen Bewegung erlangt. Vor diesem Hintergrund denken wir, dass es heute, über ein Jahr später, richtig ist, nicht weiter nur intern, sondern auch öffentlich Bilanz zu ziehen. Wir möchten sowohl den Betroffenen als auch unseren Bündnispartner:innen und anderen fortschrittlichen Kräften darlegen, wie wir seitdem mit den Kritiken gearbeitet haben.

Wir wollen darlegen, welche Konsequenzen wir unmittelbar nach den ersten Veröffentlichungen gezogen haben, wie sich seitdem unsere Arbeit verändert und weiterentwickelt hat und welche Arbeit noch vor uns liegt. 

Mit diesem Statement machen wir unsere Arbeit zu den Kritiken, aber auch unsere allgemeinere Arbeit zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt und ihren Betroffenen das erste Mal in einem größeren Umfang für die Öffentlichkeit transparent. Auf diese Weise versuchen wir, unseren Aufarbeitungs- und Entwicklungsprozess nachvollziehbar zu machen. 

Unsere Arbeitsweise vor und zu Zeiten der Vorwürfe 

Wir gehen davon aus, dass einige Leser:innen unsere bisherigen Statements nicht mehr im Kopf haben oder diese gar nicht kennen. Daher wollen wir noch einmal kurz darstellen, wie unsere Arbeit in der Vergangenheit ausgesehen hat, um dann darzulegen, wie sie sich im letzten Jahr verändert hat. 

Die online geschilderten Vorfälle betreffen sehr unterschiedliche Zeitpunkte, an denen unsere Strukturen einen jeweils anderen Entwicklungsstand hatten. Während sich eine Situation auf vor circa sieben bis acht Jahren datieren lässt, liegt eine andere circa fünf Jahre zurück, wieder andere beziehen sich auf das vorletzte Jahr. Die Föderation als Zusammenschluss besteht seit April 2022, alle Vorwürfe, die davor liegen, beziehen sich auf einzelne Mitgliedsorganisationen dieser. 

Unsere Mitgliedsorganisationen, aber auch wir als gesamte Föderation haben eine lange Zeit keine eigenen Strukturen gehabt, um mit patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt zu arbeiten. Damit meinen wir, dass es kein Gremium gab, das sich speziell mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, und keine Verantwortlichen für die Arbeit in den einzelnen Städten. Das hing zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Faktoren zusammen. Viele unserer Mitgliedsorganisationen haben sich zwar direkt als bundesweite Strukturen gegründet, bestanden aber real zunächst in zwei bis drei Städten und waren wesentlich kleiner als heute. Die bundesweite Ebene war eher in Form loser Koordinationen organisiert, die mehr oder weniger kontinuierlich arbeiteten. Zum anderen haben uns die Erfahrungen in der Arbeit zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt gefehlt. Während wir uns nicht davon freigesprochen haben, in Momenten, in denen patriarchales Verhalten und Fehlverhalten auftritt, auch direkt zu intervenieren, haben wir uns zunächst dafür entschieden, für intensivere Arbeit zu Fällen von patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt die „Kommunistischen Frauen“ (KF) anzufragen. 

In den letzten acht Jahren, seit sich die ersten unserer Mitgliedsorganisationen – die Internationale Jugend und kurz darauf das Solidaritätsnetzwerk – gegründet haben, hat sich viel verändert. Unsere Arbeit hat sich auf mittlerweile 17 Städte in Deutschland ausgeweitet, wir haben Kongresse veranstaltet, Vorstände gewählt und eine dauerhafte Praxis entwickelt. 

Mit dieser Entwicklung konnte unsere antipatriarchale Arbeit nicht immer ausreichend mithalten. Während wir seit der Gründung der ersten unserer Mitgliedsorganisationen den Kampf gegen das Patriarchat in unseren Grundlagen verankert haben, hat sich dies auch in unserer Praxis gezeigt. Dies geschah sowohl auf der Straße als auch in halbjährlichen bis jährlichen internen Seminaren zum Patriarchat und zur Erlernung von Geschlechtsbewusstsein¹. Die Arbeit zu konkreten Fällen von schwerem patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt haben wir jedoch bis zum letzten Jahr ausgelagert. 

In solchen Fällen haben wir für die konkrete Arbeit mit Tätern und Beschuldigten die Kommunistischen Frauen angefragt. Gemeinsam mit ihnen wurde zunächst eine Einschätzung getroffen. Dabei ging es darum, ob für sie die Arbeit mit einer konkreten Person, ihrem Verhalten und Persönlichkeit, denkbar und sinnvoll erscheint. War dies nicht der Fall oder wurde die Arbeit nicht als erfolgreich bewertet, wurden die betreffenden Personen aus unseren Organisationen ausgeschlossen. Das galt flächendeckend für alle Organisationen, die heute Teil der FKO sind, sowie später für die FKO selbst. 

Auch nach dem starken Anwachsen unserer Strukturen hat sich an dieser grundsätzlichen Arbeitsweise erst mal nichts geändert. Wir haben erst zu spät, nach Bekanntwerden der Kritiken, registriert, dass wir damit in einer veralteten Arbeitsweise stecken geblieben sind. Und dass wir unserer Verantwortung als bundesweite Organisation nicht gerecht werden, wenn wir die Arbeit zu konkreten Fällen dauerhaft auslagern. 

Zu den konkreten Kritiken & öffentlichen Statements 

Über die Initiative „Stoppt Täter“ wurden dann im vergangenen September Kritiken und Täterschutzvorwürfe gegenüber unseren Strukturen öffentlich bekannt. Seitdem haben wir uns nur zwei Mal in Form von Statements an die Öffentlichkeit gewandt und ansonsten auf eine öffentliche Stellungnahme größtenteils verzichtet. Diese Tatsache, sowie die Form der Reaktion haben bei einigen Personen und Strukturen den Eindruck erweckt, dass wir die an uns geäußerten Kritiken nicht ernst nehmen oder uns mit ihnen wenig bis gar nicht befasst hätten. 

Wir wollen versichern und in unserer Arbeit zeigen, dass dem nicht so ist. Wir sind uns bewusst, dass Fehler in dieser Arbeit meist besonders gravierende Konsequenzen für Betroffene haben, und wo diese passiert sind, tut uns das bis heute aufrichtig leid. 

Die Frage, wie man eine richtige Reaktion auf die Veröffentlichungen zeigt, insbesondere im Internet, wo wir uns sonst zu dieser Thematik kaum äußern, ist uns nicht leicht gefallen. Wir lehnen es weiterhin ab, Details zu den einzelnen Vorwürfen zu veröffentlichen. Wir respektieren, wenn Betroffene sich entscheiden, Erfahrungen zu veröffentlichen, was auch eine Form sein kann, sich gegen Gewalt, die einem widerfährt, zu wehren. Als Organisation, die zu Fällen arbeitet, sind wir aber in einer anderen Rolle als einzelne Betroffene. Details zu Erlebnissen und einzelnen Fällen zu veröffentlichen, finden wir deswegen falsch. 

In vergangenen Statements haben wir uns auch kritisch gegenüber der Vorgehensweise von „Stoppt Täter“ geäußert. Mittlerweile sind wir der Überzeugung, dass wir es oft nicht geschafft haben, diese Kritiken so zu formulieren, dass sie für einen größeren Teil der Leser:innen verständlich und nachvollziehbar sind. Das liegt unter anderem daran, dass wir es ablehnen, Diskussionen, Differenzen und Widersprüche, die wir insbesondere zu Teilen der späteren Veröffentlichungen des Kollektivs „Stoppt Täter“ haben, auszutragen, indem wir massenweise Details über unsere Arbeit, und somit auch Fälle und Betroffene, im Internet preisgeben. Zum anderen wollten wir nicht, dass unsere Selbstkritiken in den Hintergrund geraten. Im Nachhinein werten wir kritisch aus, dass uns das durch diese Herangehensweise und Wortwahl nicht gelungen ist.

Wir sehen aktuell weiterhin die Notwendigkeit, uns auch öffentlich kritisch zu „Stoppt Täter“ zu äußern. Es wäre sicherlich der einfachere Weg für uns, alle Vorwürfe und Forderungen kritiklos anzunehmen, um uns schnell zu „rehabilitieren“. Dieser Weg wäre jedoch unehrlich, da wir schlicht grundlegende Widersprüche zu einigen Veröffentlichungen haben. Zu einer ehrlichen Aufarbeitung gehört für uns auch, ehrlich diese Widersprüche zu benennen.

Wir nehmen viele Kritiken an unserer Arbeit an, auch von „Stoppt Täter“, und haben uns dieser ernsthaft gewidmet. Unsere Kritiken beruhen hierbei jedoch nicht auf banalen Widersprüchen, sondern auf für die Einordnung von relevanten Informationen, die entweder in den Veröffentlichungen weggelassen wurden oder mindestens falsch dargestellt wurden. Wir haben uns dazu entschieden, einen Teil davon öffentlich zu thematisieren, damit unsere vergangenen und aktuellen Kritiken besser nachvollzogen werden können.

Auf der Seite wurden mehrere Statements veröffentlicht, die sich auf einen Fall vom vorletzten Jahr und einen vermeintlich damit zusammenhängenden Ausschluss einer Betroffenen beziehen. Zu diesen Statements haben wir den größten Widerspruch, denn die meisten Details darüber, wie wir gehandelt haben oder in welcher Beziehung wir zu den ausgeschlossenen Personen standen, entsprechen schlicht nicht der Realität.

Im Jahr 2024 hat sich eine Frau bei uns organisiert, die uns kurze Zeit später von Vorwürfen gegen eine andere bei uns organisierte Person erzählt hat. Sie trat dabei jedoch nicht als Betroffene auf, sondern als Unterstützerin einer anderen Betroffenen, die zwar nicht bei uns organisiert war, zu der wir später aber Kontakt hatten und bis heute haben.

Mit der bei uns organisierten Frau gab es verschiedene Reibungspunkte und letzten Endes entschieden wir uns, aufgrund eines fehlenden Vertrauensverhältnisses die Zusammenarbeit mit ihr zu beenden. Damals war sie jedoch bereits seit Wochen nicht zu Treffen des Frauenkollektivs erschienen, noch antwortete sie auf Nachrichten, die ihr geschrieben wurden. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir auch nicht, dass sie ebenfalls eine Betroffene ist, da sie uns gegenüber bisher nur als Unterstützerin der anderen Betroffenen aufgetreten war. Von ihrer Betroffenheit erfuhren wir erst durch das Outing.

Trotz des Beschlusses, dass sie aufgrund des fehlenden Vertrauensverhältnisses nicht weiter Teil des Frauenkollektivs sein kann, informierten wir sie schriftlich – da sie damals noch der einzige Kontakt zur Betroffenen war – über die Entbindung des Täters und auch über den Ausschluss. Das Outing des Täters, gemeinsam mit der Behauptung, dass dieser bei uns noch organisiert sei, wurde Tage nachdem wir sie über Entbindung und Ausschluss informiert hatten, veröffentlicht. Ihr war der Ausschluss also bekannt.

Zudem kommen in dem Statement Details vor, die dem Erlebten der anderen Betroffenen zuzuordnen sind, als deren Unterstützerin die Person aufgetreten war. Diese andere Betroffene hatte der Veröffentlichung von diesen Details aber nie zugestimmt. Da „Stoppt Täter“ Vorwürfe von Personen, die sich an sie wenden, nicht versucht nachzuvollziehen, haben sie letztlich zugelassen, dass ein Post veröffentlicht wird, der nicht nur viele falsche Informationen enthält, sondern falsche und richtige Aspekte bewusst miteinander vermischt. Vor allem aber spricht das Outing in Teilen vermeintlich im Namen derjenigen Betroffenen, die an dem Outing weder beteiligt war noch diesem zugestimmt hat. Mit diesem Post wurde einer Betroffenen also aktiv verwehrt, eine eigene Entscheidung im Umgang damit zu treffen. Diese Kritik richtet sich natürlich in erster Linie an die Person, die das Outing in vollem Wissen über diese Falschinformationen angestoßen hat. Es zeigt aber auch, dass der eigene Umgang von „Stoppt Täter“ genau das ermöglicht. 

Mit der Person, mit der wir tatsächlich als Betroffene Kontakt hatten und haben, gab es ein persönliches Aufarbeitungsgespräch. Hier wurden Fehler – die es von uns in der Arbeit mit der Betroffenen gab – transparent gemacht und sich entschuldigt. Die Veröffentlichung dieser Details wurde mit ihr abgesprochen und sie hat dem zugestimmt. 

In einem weiteren Fall waren uns die Vorwürfe, bevor diese durch den Account veröffentlicht wurden, schlicht nicht bekannt. Wir haben auch hier versucht herauszufinden, um was genau es sich handelt und mit wem wir als Betroffene in Kontakt treten müssen, um darüber zu sprechen. Dieser Kontakt wurde von „Stoppt Täter“ abgelehnt.

In diesen sowie in weiteren Fällen werden von uns ergriffene Maßnahmen, die dem Kollektiv bekannt waren, in den Posts ausgelassen oder stark verzerrt dargestellt. Zusätzlich haben wir in keinem uns bekannten Fall Betroffenen aktiv von einer Therapie abgeraten. Im Gegenteil; wenn Betroffene das möchten, unterstützen wir diese aktiv bei der Suche nach einem Therapieplatz.

Unsere Stellungnahme zu den konkreten Fällen und Prozessen möchten wir abschließen, indem wir transparent machen, wie mit den Beschuldigten und Tätern umgegangen wurde: Alle Personen, gegen die veröffentlichte Vorwürfe erhoben wurden, wurden aus unseren Strukturen ausgeschlossen. Die einizge Ausnahme bildet ein Genosse, dem keine sexualisierte Gewalt vorgeworfen wurde. Das Statement, das ihn betrifft, kritisiert patriarchales Fehlverhalten. Abgesehen von der ersten – zunächst auf einem Privataccount veröffentlichten – Tat und dem Vorwurf, von welchem wir erst mit der Veröffentlichung erfahren haben, haben alle Ausschlüsse bereits vor den Veröffentlichungen und dementsprechend unabhängig von diesen stattgefunden. Mit dem Genossen, der nicht ausgeschlossen wurde, hat eine antipatriarchale Arbeit stattgefunden, die wir auch in einem vergangenen Statement schildern und abgeschlossen wurde.

An dieser Stelle wollen wir zum Umgang mit verschiedenen Betroffenen sowie unseren Bündnispartner:innen übergehen. Wir haben uns dafür entschieden, allen entweder über direkte Ansprache oder über öffentliche Angebote in unseren letzten Statements persönliche Gespräche anzubieten. 

Im Kontext der Veröffentlichung der Kritiken haben wir erneut Kontakt zu verschiedenen betroffenen Personen gesucht, die uns bekannt waren, um mit ihnen darüber zu sprechen. Dieser Kontakt ist teilweise sehr positiv verlaufen. Andere betroffene Personen haben uns über Dritte oder über die Veröffentlichungen des Kollektivs „Stoppt Täter“ kommuniziert, dass sie derzeit keinen Kontakt zu uns wünschen. Diese Wünsche wurden von uns stets respektiert. An das Kollektiv als Gesamtes gab es daher von uns aus nur öffentliche Gesprächsangebote über unsere Statements, eine direkte Kontaktierung hat nicht stattgefunden.

Darüber hinaus stehen wir in Kontakt mit verschiedenen Betroffenen. Dabei geht es darum, dass wir eine dauerhafte Arbeit mit allen betroffenen Personen machen. Das machen wir unabhängig davon, ob nur die betroffenen Personen, nur die Täter:innen oder alle Teil unserer Organisationen sind. Es geht auch darum, dass wir mit Betroffenen kommunizieren, um sie in die Arbeit zu Fällen, in denen Personen ihnen gegenüber Fehlverhalten oder Gewalt ausgeübt haben, einzubeziehen. Insofern diese Einbeziehung von ihnen gewünscht ist. Mit den Betroffenen sprechen wir immer offen über unsere Arbeitsweise und versuchen anhand ihrer Anmerkungen unsere Prozesse zu verbessern. 

Dort, wo Gespräche mit Bündnispartner:innen stattgefunden haben, war der Inhalt dieser: 

  • eine detaillierte Stellungnahme, Einschätzung und Selbstkritik zu unserem Umgang mit den Fällen und den Kritiken
  • einen Einblick in die Konsequenzen, die wir gezogen haben, und die Arbeit, die wir planen
  • eine Auseinandersetzung mit ihren Kritiken und Fragen. 

Gespräche wie diese waren ein bewusster Teil unserer Arbeit im letzten Jahr, und wir sind dazu auch weiterhin bereit, mit allen Kräften zu sprechen, die sich an uns wenden. 

Unser Aufarbeitungs- und Aufbauprozess

Nach dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe hat bei uns ein umfangreicher Aufarbeitungsprozess stattgefunden, der mittlerweile fließend in einen Aufbauprozess unserer eigenen Strukturen zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt übergegangen ist. 

In diesem Abschnitt wollen wir die konkreten organisatorischen Schritte und die Arbeit seit Herbst 2024 spiegeln. Diese Darstellung kann lediglich die größeren organisatorischen Schritte umreißen. Hinzu kommen unzählige einzelne Gespräche und Auswertungsrunden unter Genoss:innen aller Städte und Ebenen, die hier im Einzelnen keinen Platz finden können. Ebenso wie die bis heute andauernden Gespräche mit anderen Organisationen und Genoss:innen, die neu zu unseren Organisationen dazustoßen. 

Nachdem uns im September letzten Jahres durch die erste Veröffentlichung auf einem privaten Account einer ehemaligen Genossin gravierende Fehler in unserer Arbeit vor Augen geführt wurden, entschieden wir uns gemeinsam mit den Kommunistischen Frauen über die bisherige und laufende Fallarbeit zu reflektieren. Ergebnisse ihrer Reflexion haben die Genoss:innen in zwei längeren Statements auf ihrer Website veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine eigenständige Prozessarbeit mit Beschuldigten oder Tätern und auch die Arbeit, die wir mit Betroffenen ohne Unterstützung leisteten, hielt sich in Grenzen. Das hat zu dem Widerspruch geführt, dass wir zwar Verantwortung für alle Fälle und auch die Konsequenzen aller Fehler tragen – in der Auswertung der Arbeit jedoch nicht viel mehr bieten konnten und können, als uns den Auswertungen der Genoss:innen anzuschließen. 

Beginn des Reflexionsprozess und direkte Konsequenzen

Der Widerspruch, in der Vergangenheit nicht genügend Verantwortung übernommen zu haben, wurde uns bewusst. Deshalb kamen wir zu diesem Zeitpunkt zu der Einschätzung, dass es über eine intensive Auswertung und Umstellung unserer Arbeit hinaus vor allem auch kurzfristige und direkte Maßnahmen benötigt. Durch diese Maßnahmen konnten vergangene Fehler nicht ungeschehen gemacht werden, aber zumindest in dem konkreten Moment, in dem wir sie realisiert haben, konnte Verantwortung übernommen werden. 

Eine dieser Maßnahmen war eine kritische Auswertung unserer Rolle in Jans Prozess, sowie der Zusammenarbeit mit der Betroffenen. Darauf folgte der Ausschluss von Jan. Weitere Maßnahmen waren allgemeiner und direkter. Dazu zählten unter anderem die Schaffung von Transparenz in der eigenen Organisation sowie die Einführung eines sechswöchigen „Entbindungszeitraums“, in dem Beschuldigte von Fehlverhalten und Gewalt direkt und temporär von der Arbeit entbunden werden. Dieser Zeitraum sollte garantieren, dass man sich in der ersten Zeit nach Erhalt eines Vorwurfs auf die Arbeit mit Betroffenen konzentrieren kann sowie darauf, alle notwendigen Informationen einzuholen, um bewerten zu können, ob man zu einem Fall arbeiten möchte oder nicht.

Zusätzlich zur Auswertung von konkreten Fehlern hinterfragten wir grundsätzlich unsere Arbeitsweise. Die umfangreichste Konsequenz daraus war der später folgende Aufbau einer eigenen systematisierten Arbeit mit Betroffenen und zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt. Im Zuge dessen begannen wir mit einer Analyse unserer eigenen Fähigkeiten und Ressourcen im Bereich der Betroffenen- und Täterarbeit. 

Wir legten von Anfang an fest, dass beim Aufbau eigener Strukturen die Arbeit mit Betroffenen eine besondere Priorität haben soll. 

An diesem Punkt des Prozesses standen wir vor der Schwierigkeit, dass wir noch keine eigenen zentralen Strukturen hatten, um zu diesen Themen zu arbeiten, sondern die Arbeit immer über die einzelnen Städte gelaufen war. Die ersten Schritte und Überlegungen verliefen dann spontan über einen Teil der bisherigen Frauenkommission, die bis dahin aber nur zu allgemeinerer antipatriarchaler Arbeit in den Strukturen gearbeitet hatte. 

Es wurde sich recht schnell dazu entschlossen, dass es notwendig ist, die Diskussionen über die Kritiken, Selbstkritiken und wie es weitergeht, mit der gesamten Föderation zu diskutieren, und die folgenden Schritte gemeinsam zu gehen.

Vollversammlungen und weitere kollektive Diskussionen

Daraufhin wurde die bis dato erfolgte Auswertung schon kurze Zeit nach Veröffentlichung der ersten Kritik einer Betroffenen Ende 2024 in die Organisation getragen. Das erfolgte sowohl über die Vorstände der einzelnen Mitgliedsorganisationen, als auch über Vollversammlungen unter allen Geschlechtern in allen Städten. Hier wurde eine Analyse der eigenen Arbeit und Fehler geteilt, Raum für die Diskussion von Fragen und Kritiken gelassen, sowie erste Ideen geteilt, wie eine Aufarbeitung aussehen wird. 

Zu einem späteren Zeitpunkt, als mehr Kritiken online waren, wurde eine ähnliche Vorgehensweise in den einzelnen Ortsgruppen wiederholt. In dieser Zeit beschlossen wir auch, dass es unsere Aufgabe ist, selbstkritisch auf Bündnispartner:innen zuzugehen und auch ihnen die Möglichkeit zu geben, zu verstehen, wie wir mit den Kritiken umgehen, und ihre Kritiken zu leisten. Diese Gespräche liefen ab hier parallel zum Prozess und dauern bis heute an.

Im Dezember 2024 stand der Kongress einer unserer Mitgliedsorganisationen, des Frauenkollektivs, an. Die Genossinnen nutzten das, um eine breite Diskussion zur Arbeit mit Betroffenen, patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt zu organisieren. Zu dieser wurden nicht nur die Frauen aus dem Frauenkollektiv, sondern alle Frauen der FKO eingeladen. Aufbauend auf dieser Diskussion beschlossen wir als Föderation, den Aufbau eigener Strukturen konkret anzugehen. Diese Schritte veröffentlichten wir in zwei Statements Anfang und Mitte Dezember 2024. Das Frauenkollektiv veröffentlichte ebenfalls die Ergebnisse der Diskussion auf dem Kongress.

Entwicklung der Leitlinien & Aufbau der Strukturen

In den kommenden Monaten liefen, wie zuvor, verschiedene Entwicklungen parallel. Das Frauenkollektiv entwickelte eine erste Version der Leitlinien zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt. Diese wurde dann in allen Mitgliedsorganisationen in erneuten Vollversammlungen unter allen Geschlechtern zu Beginn des Jahres diskutiert. Alle Anmerkungen wurden dann zentralisiert zurückgetragen und eingearbeitet. Das passierte durch die Frauenkommission, da sich zu diesem Zeitpunkt bereits andeutete, dass diese in Zukunft auch diesen Arbeitsbereich übernehmen und anleiten würde.

Nach der Einarbeitung wurden die Leitlinien schließlich im April 2025 von allen Organisationen beschlossen und im Mai wurde der externe Teil dieser veröffentlicht. Die Frauenkommission wurde neu zusammengesetzt und mit der Bestimmung von Regional- und Städteverantwortlichen wurde begonnen. 

Zwischen Mai und Juni fanden in allen Städten Seminare zu den neuen Leitlinien statt. Ungefähr im Juli stand ein erstes Gerüst aus einer neu zusammengesetzten Frauenkommission, Regional- und Städteverantwortlichen. 

Seit Mitte des Jahres bereiteten wir außerdem unseren Föderationskongress vor. Im Zuge dieser Vorbereitungen führten wir ebenfalls in allen Städten Versammlungen durch, auf denen die Kongressdokumente und die bisherige Arbeit reflektiert wurden und Vorschläge diskutiert wurden, wie sich die Arbeit weiterentwickeln soll. Dazu gehörten auch eine Auswertung der antipatriarchalen Arbeit und eine Diskussion über den Leitantrag dazu, den wir im Dezember veröffentlicht haben. Diese Diskussion wurde auf dem Kongress im Oktober zu Ende geführt und ein weiterer Ausbau der Arbeit wurde beschlossen.

Geschlechtsbewusstseinsseminare und Schulungen im Umgang mit Betroffen, Beschuldigten und Tätern

Um das Geschlechtsbewusstsein in unseren gesamten Strukturen weiter zu heben, organisierten wir Geschlechtsbewusstseinsseminare in all unseren Städten zwischen Oktober und November.

Wir entschlossen uns, dass es zusätzlich zu den einzelnen Einweisungen der Regional- und Städteverantwortlichen auch eine systematisiertere Schulungsarbeit mit diesen braucht. Wir begannen im August 2025 mit der Ausarbeitung einer umfangreichen Wochenendschulung, die wir im Dezember 2025 durchführten. In dieser Schulung legten wir einen besonderen Fokus auf die Arbeit mit Betroffenen, als auch auf den Umgang mit eigenen Erfahrungen und Emotionen. Wir vermittelten außerdem Grundlagen zur Arbeit mit Fällen, Personen, die sich Fehlverhalten haben, und Tätern. Eine ausführliche Auswertung dessen findet ihr ebenfalls auf unserer Website. 

Aufgaben und Ziele der kommenden Zeit 

Wir wollen diesen letzten Abschnitt nutzen, um darzulegen, wie wir in der nächsten Zeit in diesem Bereich weiterarbeiten wollen und vor welchen Aufgaben wir als Bewegung in Deutschland aktuell stehen. 

In der Arbeit zu Fehlverhalten und Gewalt befassen wir uns mit mehreren Themen gleichzeitig. Zum einen veröffentlichen wir gemeinsam mit diesem Dokument auch unsere überarbeiteten Leitlinien zu patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt. Parallel dazu arbeiten wir bereits an diesen weiter, und werden Sie vermutlich immer wieder laufend updaten, sobald wir in dieser Arbeit weiter vorankommen. Zudem arbeiten wir in der Frauenkommission an unseren Konzepten zur Betroffenenarbeit, um hier entsprechend unserer Auswertungen einen besonderen Fokus zu setzen.

Im Bereich der Schulungsarbeit arbeiten wir an einem Gerüst aus Schulungen für alle Ebenen. Also sowohl zur Professionalisierung der Arbeit der Regional- und Städteverantwortlichen als auch aller Personen, die zu Fällen arbeiten, sowie um die Geschlechtsbewusstseinsseminare für die Ortsgruppen weiterzuentwickeln. Bezüglich der Geschlechtsbewusstseinsseminare sollen die bisher vorhandenen Seminare überarbeitet und aktualisiert werden, als auch neue hinzukommen – insbesondere zu den Fragen von Sexualität und Konsens. In allen Bereichen unserer Arbeit, in denen Sexualität von Personen oder transgeschlechtlichen und nicht binäre Personen eine besondere Rolle spielen beziehen wir die LGBTI+ Kommission mit ein. 

Im Kampf gegen patriarchales Verhalten denken wir außerdem, dass dieser Teil der alltäglichen politischen Arbeit sein muss. Wir arbeiten also weiterhin daran, eine solidarische Kritikkultur auszubauen, bei der alle Geschlechter ihre Verantwortung wahrnehmen. An patriarchalem Verhalten muss gearbeitet werden, egal wo es auftritt – zuhause, im Treffen oder auf Aktionen.

In den Gesprächen und Diskussionen mit Organisationen und Bündnissen sowie in den allgemeinen Auseinandersetzungen innerhalb der fortschrittlichen Bewegung zu den Täterschutzvorwürfen wurde deutlich, dass es an vielen Stellen noch an klaren Konzepten, Prinzipien und Strukturen im Umgang mit patriarchalem Fehlverhalten und Gewalt mangelt. Vor jedem Bündnis, jeder Organisation und uns als gesamte Bewegung steht die drängende Aufgabe, das zu verändern. Um einen Teil dazu beizutragen, wollen wir den Austausch zwischen verschiedenen Organisationen zu diesen Themen stärken und freuen uns über strömungsübergreifende Anregungen und Austausch über unterschiedliche Konzepte.

Kampf gegen das Patriarchat – eine dauerhafte Aufgabe

Das Patriarchat als Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnis spiegelt sich heute auf allen Ebenen in unserem Leben wider. In der Art, wie Haus- und Lohnarbeit organisiert sind, wie wir sozialisiert werden und wie unsere Beziehungen zueinander aussehen. Es ist eng mit dem Gesellschaftssystem verbunden, in dem wir leben, dem Kapitalismus. Das bedeutet, dass der Kampf gegen das Patriarchat viele verschiedene Facetten umfasst und sich nicht auf die Solidarität mit Betroffenen oder den Kampf gegen konkretes Verhalten und Gewalt begrenzen darf. Auch wenn das ein wichtiger Teil dessen ist. 

Unsere Aufgabe ist es daher, eine Bewegung aufzubauen, die dem Patriarchat konsequent etwas entgegensetzt. Sowohl durch die direkte Arbeit an patriarchalem Verhalten als auch durch die Stärkung von Frauen, trans und nicht-binären Personen. 

Eine Bewegung, die nicht nur kurzfristige Ziele im Blick hat, sondern weiß, dass das Patriarchat und der Kapitalismus auf allen Ebenen miteinander verbunden sind. Somit ist auch der Kampf dagegen auf allen Ebenen miteinander verknüpft. Wir müssen also sowohl das Patriarchat in Form von konkretem Verhalten bekämpfen, als auch den Kampf um konkrete Forderungen führen sowie langfristig für eine Gesellschaft, den Sozialismus, kämpfen, in der wir das Patriarchat ganz besiegen werden. All diese Kämpfe sind am Ende eins und wirken aufeinander zurück. 

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